entrance

landscapesaregreeneverywhere

KUNSTRAUM 34, Stuttgart
16. Mai - 27. Juni 2009
Musik zur Finissage
Adriana Hölszky      Image (UA)
Mutsuko  Aizawa    3 Stücke für Marimba solo mit 6 Schlägeln
                               Hana - Bi - Ai

Einladung als PDF

Ausstellung 
Andreas Pytlik                                                                 15.05.2009

Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüsse sie recht herzlich im Kunstraum 34, zur Eröffnung der Ausstellung 'landscapesaregreeneverywhere' von Andreas Pytlik.
Wir freuen uns, dass wir diesen Künstler für den Mai Termin gewinnen konnten, er hat uns das frische Grün von Draussen hier in den Keller geholt.  

'Grüner wird's nicht mehr', witzeln wir an der Ampel, wenn vor uns einer bummelt. Dasselbe könnte man zu dieser Ausstellung sagen. Grün, wohin man blickt, importiert aus Bayern, von einem Künstler, der vor rund 10 Jahren diese Farbe für sich entdeckt hat und die ihn seither nicht mehr losgelassen hat. Der Umweg vom Steinbildhauer, über die Versicherungsbranche, hat Andreas Pytlik zur Kunst geführt, und zwar in die Multimediale, die er hier facettenreich präsentiert. Vielleicht war es die Sehnsucht nach Natur, nach 'Grün', die ihn zum Umzug von München auf's Land bewegt hat. Oder die Liebe zum Grün entflammte, als er auf seinem Bauernhof die Farbe täglich satt um sich hatte. Die Frage ist so müssig, wie die, nach der Henne und dem Ei.

Wie immer, möchte ich zuerst auf die Finissage hinweisen, bevor ich näher auf die Ausstellung eingehe. Ein musikalisches 'Schmankerl' erwartet uns, um es mit bayrischem Kolorit zu sagen. Eine Uraufführung von Adriana Hölszky, gespielt von der virtuosen Mutsako Aizawa, auf der Marimba. Die Komponistin und die Interpretin, sind unserem Kunst und Klangraum seit langem verbunden. Am Sonntag, den 16. Juni, wie immer vormittags um 11 Uhr. Sie dürfen gerne unausgeschlafen kommen, Hölszky und Mutsako werden sie hellwach machen.

Doch nun zur Ausstellung von Andreas Pytlik.

Vor ein paar Jahren haben wir einen australischen Künstler ausgestellt, der sich einige Zeit in Deutschland aufgehalten hat. Deutschland würde ihm sehr gut gefallen, meinte er, es sei so 'tropical'. 
Ich fand die Bezeichnung amüsant verstand aber, was er sagen wollte. Mit 'tropical' meinte er GRÜN. Dieses satte üppige Grün, das für uns so allgegenwärtig, so selbstverständlich ist, dass wir ihm kaum noch Bedeutung beimessen. Nur wenn in unserer Umgebung ein Baum, ein Strauch im Frühjahr nicht austreibt, oder eine Pflanze aus unerfindlichen Gründen welkt, bemerken wir, dass etwas nicht stimmt. Wenn das gewohnte Grün ausbleibt, sind wir beunruhigt. Dann stirbt etwas. Manchmal sogar die Hoffnung, der wir die Farbe Grün zuordnen.
Für Andreas Pytlik ist Grün nicht nur Farbe, sondern ein metaphysischer Zustand. Das Grün ergründen, spielt eine zentrale Rolle in seinem künstlerischen Schaffen. Als Farbe ist Grün weitgehendst positiv besetzt, durch Natur, Lebenskraft, Wachstum. 
Negativ, wenn sie in einem verwesenden Zustand auftaucht, bei Schimmel oder Fleisch z. B. Sie gehört nicht zu den Grundfarben, ist gemischt aus Blau und Gelb, vielleicht ist Grün deshalb so nuancen und -facettenreich. Pytlik interessiert sich jedoch nicht nur für die Farbe, es geht ihm um das Wesen von Grün. Auch die Landschaft interresiert ihn nicht, sondern das Wesen der Landschaft. Allein durch eine Teilung im Bildaufbau, ensteht in unsern Köpfen ein Horizont, der Farbauftrag suggeriert Vegetation, durch die Wahl der Grüntöne entsteht Stimmung, Wetter, Jahreszeit. Pastos deckende Flächen wirken erdig, zarte Lasuren erinnern an Wolken, Dunst, oder flirrende Hitze. Oft sind die Bilder in einer komplementären Farbe grundiert, die das Grün noch grüner leuchten lassen, es intensivieren und sättigen.
In seinem neuesten Bilderzyklus beschäftigt sich der Künstler mit  Wald, dem deutschen Sehnsuchts-Ort schlechthin. Auch hier haben wir es mit einer Abstraktion von Wald zu tun, die jedoch Atmosphäre einfängt und vermittelt. Wer sich drauf einlässt, riecht das Moos, hört das Knarzen der Bäume und sieht die Heidelbeeren. Pytlik zitiert Wald in seiner Farbigkeit und seiner formalen Strenge. Auch hier wird die Teilung zum Prinzip. Wie ein halb hochgezogener Theatervorhang wirkt die Fläche, die den oberen Teil des Waldes verbirgt. Ob es ein Tannen oder Laubwald ist, bleibt der Phantasie überlassen, oder der Stimmung, in der wir uns gerade befinden. Dem Wald raffiniert gegenübergestellt ist die Videoarbeit 'Downtown', die ins hektische Leben der Stadt blicken lässt. Hier wird das Grün zur Metapher. Zielstrebig und beinahe heiter fahren die Menschen hinab in die Unterwelt, die durch das Grün  ihren Schrecken verliert. Im ersten Teil der Arbeit kommen sie nicht wieder hoch, werden vom Grün einfach verschluckt. Es ist eine der konzeptinellen Arbeiten, die Pytliks Ausstellung bereichern. Nebenan hängt der grüne Hut, der am ehesten an seine bayrische Herkunft erinnert. Richtig deutsch ist dann der alte Reisepass, in den in der Vergangenheit, grimmig aussehende Beamte ihre Visastempel hineingedonnert haben. 'Green made in Germany' weckt bei dieser Arbeit Erinnerungen an die Zeit, bevor sich die europäischen Grenzen öffneten, an die Teilung Deutschlands, an Uniformen und Stacheldraht. Die Zweigeteilheit unserer Räume hat Pytlik geschickt genutzt, um die Aspekte seiner Arbeit in zwei Atmosphären zu präsentieren. Heiter und licht der eine Raum, als würde man in einem weiten Park flanieren, über den I-Pod Mozart hören und in Gedanken bei einem geliebten Menschen sein.
Mystisch und dunkel der andere Raum. Mit Wagner im Ohr, mit grübelnden Gedanken beim einsamen Waldspaziergang. .......mit Angst vor der Krise? Angst vor dem Abstieg, für den es keine Rolltreppe nach oben gibt......?
Zwei grüne Räume, zwei Aspekte von Natur, zwei Seelen in deutscher Brust.......doch überall winkt Hoffnung, die bekanntlich Grün ist. 
Dank an Andreas Pytlik, danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Vernissage und einen schönen Abend.

Gérard Ziegler, Stuttgart, Mai 2009